Eins der ältesten, auf jeden Fall eins der bekanntesten noch existierenden Geschäfte Neuköllns wurde in der Neujahrsnacht durch Brandstiftung zerstört: das Musikhaus Bading auf der Karl-Marx-Straße. Verschiedene Prominente bekundeten ihre Trauer.

 

Von Müllern zu Musikern – die Geschichte

Die Badings sind eine der ältesten und wohlhabendsten Bürgerfamilien Neuköllns – im 18. Jahrhundert siedelten sie als Müller und Schmiede im damaligen Rixdorf an und kauften Land. Im 19. Jahrhundert küsst die Muse die Familie und es gehen verschiedene renommierte Musiker, vor allem Klarinettisten aus ihr hervor.

In der boomenden Gründerzeit kaufte die Familie weiteres Land und auch Häuser, unter anderem das Gebäude, in dem schließlich 1919 Erich Bading das Musikhaus gründet – im Ladengeschäft der Eltern, die in den Räumlichkeiten ursprünglich eine Kneipe geführt hatten. Damals lautete die Adresse noch Bergstraße 43, heute ist es die Karl-Marx-Straße 186. Das Haus ist seither immer in Familienbesitz geblieben.

 

Das Musikhaus im Wandel der Zeit

Im aufstrebenden Berlin der 20er Jahre war Neukölln auch schon mal „jung und wild“ – so gab es z.B. Konzerte und Opernaufführungen in der „Neuen Welt“ in der Hasenheide und im 1902 entstandenen Saalbau spielten die Berliner Philharmoniker unter der Leitung führender Dirigenten der Zeit. Das Musikhaus, das stets als Familienbetrieb betrieben worden ist, florierte und es waren bis zu 25 Personen angestellt. Eine der ersten Angestellten: Hildegard Schiebeck, die spätere Ehefrau Erich Badings, mit dem sie drei Töchter und einen Sohn bekam. Nach seinem Tod führt sie das Geschäft alleine weiter, später übernehmen die Kinder: die 94jährige Tochter des Firmengründers, Brünhilde Schibille, stand vor Silvester noch im Laden, unterstützt von Schwägerin Liane Bading und Faktotum Götz, der seit 50 Jahren angestellt ist und quasi zur Famile gehört.

 

Nach dem Krieg ist vor der Wende

Während in den 1920er und -30er Jahren das Anhören von Schallplatten in abgetrennten „Vorführräumen“, stattfand, die mit Samt verkleidet und mit Sofas ausgestattet waren, bestand das Sortiment im Wesentlichen aus Notenblättern und Instrumenten bestand, aber auch Konzertkarten. Frank Zander, der gegenüber groß geworden ist, kaufte hier seine erste Gitarre und brachte seine erste Single höchstpersönlich selbst zum Verkauf vorbei.

In den 1950er und -60er Jahren wird die Musik poppiger und die Welt bunter: es kommt eine Fernsehabteilung und eine dazugehörige Reparaturwerkstatt hinzu, im dritten Stock befinden sich Orgelschule und Orgelstudio. Farbfernseher waren 1974 zur Fußball-WM der Renner.

In den 1980er Jahren jedoch kamen die großen Elektrohandelsketten und das Geschäft musste wie viele Einzelhändler der Zeit große Einbußen hinnehmen. Lediglich die Maueröffnung brachte kurzfristig noch einmal viel Kundschaft – die alte Grenze ist ja nicht allzu weit entfernt.

 

100 Jahre und ein jähes Ende

Silvester ging das Ladenlokal in Flammen auf, als aus einer größeren Gruppe Feiernder Pyrotechnik in Tür und Fenster des Ladenlokals geworfen wurde. Aus den darüber liegenden Wohnungen mussten drei Menschen gerettet werden, u.a. die Schwester der Betreiberin. Der vordere Teil des Geschäfts ist komplett verkohlt und historische Noten, Fotografien, Autogramme unwiderruflich durch die Flammen oder das Wasser der Feuerwehr zerstört. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Das Entsetzen unter den Neuköllner*innen ist groß. Viele Menschen haben Tränen in den Augen, wenn sie an dem zerstörten Musikhaus vorbeigehen. Auch Bezirksbürgermeisterin Giffey und Bezirksverordneter Preuß äußerten ihre Betroffenheit.

Kommendes Jahr wollte man den 100. Geburtstag des Musikhauses feiern, doch nun ist alle Zukunft ungewiss.

 

Quellen:
www.neukoellner.net
www.morgenpost.de
www.berliner-zeitung.de
www.tagesspiegel.de
www.facettenneukoelln.wordpress.com

Bildquelle:
Gerda Siemens, 2018