Kann man, ja, darf man einen Friedhof als “Sehenswürdigkeit” bezeichnen, ohne despektierlich zu sein? Wie auch immer man darüber denkt – der jüdische Friedhof in Weißensee wird auf den einschlägigen Websites als Sehenswürdigkeit gehandelt, da er nicht nur einer der größten, sondern auch einer der schönsten jüdischen Friedhöfe in Europa ist. Hier ruhen zahlreiche Berliner Persönlichkeiten, insgesamt wurden hier bisher 115.000 Menschen bestattet.

 

Geschichte

Der jüdische Friedhof Weißensee wurde 1880 angelegt, nachdem der alte jüdische Friedhof in der Schönhauser Alle voll belegt war. Mit Hilfe eines Architektenwettbewerbs erhielt schließlich Hugo Licht den Zuschlag die rund 40 Hektar zu gestalten.

Die Gräuel der NS-Zeit haben viele Gesichter. So auch diese Zahl, die betroffen macht: 1907. So viele jüdische Menschen in Berlin haben sich in den Jahren von 1933 bis 1945 aus Verzweiflung und Angst vor Deportation das Leben genommen. Auf einem Grabfeld ist die Asche von 809 jüdischen Menschen begraben, die die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Auf vielen Grabsteinen findet man die Namen von Familienangehörigen, die Opfer des Holocaust wurden, aber denen kein Begräbnis ermöglicht werden konnte. Das unübersichtliche Gelände des Friedhofs diente untergetauchten jüdischen Menschen während der NS-Zeit auch als Unterschlupf. Illegal in Berlin lebende Juden wurden heimlich auf dem Friedhof beerdigt – die genaue Anzahl ist aus naheliegenden Gründen nicht bekannt.

 

Einen Pakt mit der Natur geschlossen

Heute ist der Friedhof ein Refugium für seltene Vogelarten: Habichte, Grauschnäpper, Bussarde und Grünspechte sind nur einige der seltenen Vogelarten, die auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee heimisch sind. Die beeindruckende biologische Vielfalt haben Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin (TU) akribisch erforscht.

Auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee haben die Lebenden einen Pakt mit der Natur geschlossen – diese hat so manches Grabfeld zurückerobert: Moos hat die Steine überwachsen, manch ein Grabstein steht schief, Sträucher und Bäume dürfen frei wachsen – naja, zumindest fast.  Herausragende Grabmale werden aufwendig restauriert. Dieses Miteinander von Denkmalpflege und Naturschutz wurde Anfang des Jahres als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt unter dem Namen “Naturschutz und Denkmalpflege auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee” gewürdigt.

 

Gebäude mit Geschichte: Jüdischer Friedhof Weißensee

Pakt mit der Natur: Jüdischer Friedhof Weißensee

 

 

Fazit

Der jüdische Friedhof in Weißensee ist neben den architektonischen Qualitäten ein idealer Ort für Besinnlichkeit und das Nachdenken über das Werden und Sein – über das Miteinander und Gegeneinander und über die eigene Vergänglichkeit.

Bitte beachten: Männer sind beim Betreten des Friedhofs angehalten, eine Kippa zu tragen (die man sich beim Blumenladen am Eingang aber auch ausleihen kann).

 

Quellen:

 

Bildquellen: