Und plötzlich ist man mittendrin in “Babylon Berlin” – atmet, spürt den Geist der Vorkriegszeit… Die Max-Liebermann-Villa – nur einen Spaziergang vom Haus der Wannsee-Konferenz entfernt – ist ein Kleinod abseits von Museumsinsel und Touristenpfaden – und auf alle Fälle einen Besuch wert.

 

Geschichte

Der Berliner Maler und Grafiker Max Liebermann lebte von 1847 bis 1935 und wohnte eigentlich in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor. Mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Käthe zog er 1892 in das von seinem Vater 1857 erworbene Haus am Pariser Platz ein. Um der Hektik der Großstadt zu entfliehen, erwarb Liebermann 1909 das schmale Grundstück am Wannsee auf dem Gebiet der Villenkolonie Alsen. Vom Architekten Paul Otto Baumgarten ließ er sich eine Sommervilla im Landhausstil bauen. Außergewöhnlich ist die Tonnengewölbe-Architektur des ersten Stocks, in dem Liebermann sein Atelier hatte. Der Garten wurde von Albert Brodersen unter Beratung von Alfred Lichtwark nach den Prinzipien des Reformgartens angelegt.

 

NS-Zeit

Max Liebermann gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus und war Gründungsmitglieder der „Berliner Secession“, einem Zusammenschluss von über 60 Künstler/-innen, die damit einen Gegenpol zum bis dahin dominierenden akademischen Kunstbetrieb bildeten. Liebermann und der Impressionismus etablierten sich und dies führte dazu, dass er 1920 schließlich das Amt des Präsidenten der Berliner Akademie der Künste übernahm. Dieses Amt hatte er bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten inne. Am 07.05.1933, nach der Gleichschaltung, legte der jüdische Künstler Liebermann sein Amt nieder. Sein Tod 1934 wurde in den gleichgeschalteten Medien nicht behandelt, zur Beerdigung erschien kein offizieller Vertreter.

 

„Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“
— Max Liebermann, 30.01.1933 anlässlich des Fackelzugs der Nazis entlang seines Hauses am Pariser Platz

 

Liebermanns Frau Martha bekam nun verstärkt die Folgen der Machtübernahme der Nazis zu spüren. 1940 wurde sie gezwungen, die Villa zu einem unangemessen niedrigen Preis an die Reichspost zu verkaufen. Der Verkaufspreis wurde ihr nie ausgezahlt. Briefe, die heute im Erdgeschoss der Villa Liebermann ausgestellt sind, sind trauriges Zeugnis einer alten, zutiefst verängstigten Frau, deren bisheriges Leben in Stücke bricht. Ein Versuch des Freundes Oskar Reinhart, sie 1941 in die Schweiz zu holen, scheitert. Als Martha Liebermann 1943 ins KZ Theresienstadt deportiert werden soll, erbittet Freund Reinhart etwas Zeit zum Koffer packen, die Martha Liebermann nutzt, um einen Selbstmordversuch mit dem Schlafmittel Veronal durchzuführen. Der Suizid gelingt nicht, verhindert aber ihre Deportation. Eine knappe Woche später verstirbt Martha Liebermann im Jüdischen Krankenhaus von Berlin. Das Sommerhaus am Wannsee, in dem Max Liebermann gut an die 200 Ölbilder und ebenso viele Grafiken schuf, wird zum Lazarett umfunktioniert.

 

Gebäude mit Geschichte: Max-Liebermann-Villa am Wannsee

Die Birken sind nicht wild in den Weg gewachsen – der Weg wurde um die Birken herum angelegt. Zum Teil wurden sie sogar im Zuge der Restaurierung neu gepflanzt.

 

Nachkriegszeit

1945 wird aus dem Lazarett die Chirurgische Abteilung des Städtischen Krankenhauses Wannsee. Das ehemalige Atelier Liebermanns im ersten Stock mit dem gleichmäßigen Nordlicht wird Operationssaal. Tochter Käthe, die die NS-Zeit in den USA überstand, erhielt die Villa 1951 zurück. Enkelin Maria, die als Kind auf vielen Bildern Liebermanns zu sehen ist, verkauft die Villa 1958 an das Land Berlin. Nach Schließung der Chirurgischen Abteilung und zwei Jahren Leerstand verpachtet der Bezirk Steglitz-Zehlendorf die Villa im Jahr 1971 an den Deutschen Unterwasser-Club (DUC), einen Tauchverein, der dort für über 20 Jahre sein Vereinsheim haben sollte.

 

Und heute?

Die Max-Liebermann-Gesellschaft erreichte 1995 einen Denkmalschutz für die Villa und zum 150. Geburtstags Liebermanns im Jahr 1997 beschloss der Berliner Senat endlich die museale Nutzung der Villa – freilich, ohne finanzielle Mittel bereitzustellen. Haus und Garten waren zum damaligen Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise in gutem oder originalem Zustand. Die Max-Liebermann-Gesellschaft verwendete viel private Mittel, um Haus und Garten zu restaurieren – dabei wurde der Garten vor allem mit Hilfe der Bilder Liebermanns hergestellt.  Seit 2006 sind Haus und Garten für die Öffentlichkeit zugänglich, seit 2014 wurden auch die letzten Baumaßnahmen an Heckengarten und am Steg mit Aussichtsplattform abgeschlossen.

 

Gebäude mit Geschichte: Max-Liebermann-Villa am Wannsee

“Im Garten des Künstlers, 2018”

Fazit

Rund 80.000 Besucher jährlich können sich an einem liebevoll wiederhergestellten Gemüse- und Ziergarten erfreuen, sowie dem restaurierten Haus, in dem ein Teil Liebermanns Werke dauerhaft ausgestellt sind. Die Faszination ergibt sich zum einen aus dem Gefühl der Privatheit, die das Gebäude vermittelt, aber auch daraus, sich in einem Bild Liebermanns wandelnd zu wähnen.

Aktuell befindet sich im ersten Stock die Ausstellung „London 1938. Mit Kandinsky, Liebermann und Nolde gegen Hitler“, die eine Rekonstruktion der Ausstellung „Twentieth Century German Art“ darstellt, die damals als Antwort auf die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ zu verstehen war. Max Liebermann war damals mit 22 ausgestellten Werken sehr gut vertreten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Januar 2019.

 

Bildquelle: Wikipedia
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Colonie_Alsen | https://de.wikipedia.org/wiki/Liebermann-Villa | http://www.liebermann-villa.de